Samstag, 23. Februar 2013

Missbrauch: Wenn ein Bürgermeister an den Kardinal schreibt, die Kirche solle sich entschuldigen...

...dann darf man getrost annehmen, dass die Lage kompliziert ist. So auch in dem kleinen Ort Grebenhain in der Nähe von Fulda. Dessen Bürgermeister sah sich gerade jetzt dazu berufen, einen Brief an Kardinal Lehmann zu schreiben, dem zuständigen Bischof. Und in Kopie wohl auch an die Presse. Darin fordert Bürgermeister Manfred Dickert "eine klare Entschuldigung der Kirche und einen ehrlichen Umgang mit den Missbrauchsfällen", schreibt die örtliche Zeitung "Kreis-Anzeiger".
Ein Pfarrer, der jahrelang in Grebenhain Dienst tat, hat offenbar systematisch Kinder und Jugendliche missbraucht, sogar vergewaltigt, wie es heißt. Dem Bistum wirft der Bürgermeister vor, so lange untätig geblieben zu sein, bis Verjährung eintrat und dann erst das kirchliche Strafverfahren eröffnet zu haben. Der betreffende Priester kann übrigens nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden:
Nach Jahren der Demenz mit Aufenthalt in einem Pflegeheim ist er inzwischen verstorben.
Der Bürgermeister möchte nun laut Zeitung, dass das Bistum zu seiner Verantwortung steht und auch die Akten öffentlich macht und der Kardinal sich öffentlich entschuldigt.

Das ist nun ein neuer Stil, dass ein Bürgermeister sich öffentlich einschaltet. Erst einmal darf man das sicher positiv sehen, wenn er sich für die bedauernswerten Opfer engagiert. Der Generalvikar des Bistums hatte schon 2011 erklärt, man wolle sich der Verantwortung stellen und wiederholte das Angebot der Kirche, Experten für Gespräche zur Verfügung zu stellen und bat erneut alle Opfer jenes Pfarrers, sich doch bitte beim Bistum zu melden. Auch der jetzige Pfarrer und der Pfarrgemeinderat hatten sich zwischenzeitlich an Kardinal Lehmann gewandt mit der dringenden Bitte um öffentliche Aufarbeitung. 
Wie man an diesem Beispiel sieht, gibt es in solchen traurigen Fällen oft eine ganze Reihe von Aspekten und auch offene Fragen. Der Justiziar des Bistums muss wohl angedeutet haben, man könne auch von einer gewissen Mitschuld anderer in Grebenhain ausgehen, die geschwiegen hätten.
Damit gerät man dann schnell ins Grundsätzliche: Wie kann es sein, dass solch schrecklichen Dinge passieren, über Jahre hinweg, mit vielen Opfern? Ist es da wirklich nur am Bistum, um Entschuldigung zu bitten?
Eine Internetseite, die sich mit der Chronik der Juden in jener Gegend beschäftigt, attestiert den Grebenhainern, sie hätten bereits 1932 Adolf Hitler zu ihrem Ehrenbürger erklärt, und nach zahl-
reichen Repressalien durch die SA der Gegend seien die letzten jüdischen Bürger bereits im Oktober 1937 nach New York ausgewandert.

Ich will hier ausdrücklich keine Verbindung herstellen, aber es geht mir so durch den Kopf, ob nicht manches zu verhindern gewesen wäre. Das Bistum Mainz tut jedenfalls gut daran, am Ball zu bleiben; das ist man den Opfern schuldig. Ob man da aber z.B. Akten veröffentlichen darf, wage ich zu bezweifeln.
Zeitung: Bürgermeister schreibt an Kardinal -- > KLICK MICH ! 

Kommentare:

  1. Ich habe gerade mal gegoogelt. Sie meinen den verstorbenen Pfr. Wolfgang Grabosch. Er war in den letzten Lebensjahren dement und wurde im Bruder-Konrad-Stift der Marienschwestern gepflegt. Man darf bezweifeln, ob er noch in der Lage war, seine Taten in ihrer Schwere zu erkennen und dazu Stellung zu nehmen.

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  2. Meines Wissens gab es durchaus Gespräche mit Beauftragten des Bistums vor Ort, sogar eine Versammlung mit Fachleuten, an der etliche Bürger und Betroffene teilnahmen. Hilfe, auch psychologische Hilfe, wurde den traumatisierten Opfern angeboten.
    Viele stehen heute noch unter Schock, auch Angehörige, die sich immer wieder schlechten Gewissens fragen, warum sie nicht besser hingehört haben. Es gab durchaus konkrete Vorwürfe gegen den Pfarrer, die dieser aber ganz geschickt und mit sicherem Auftreten empört von sich gewiesen hat.

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  3. Der Fall von Pfr. Grabosch zählt bestimmt zu den schwersten und kompliziertesten Fällen von Missbrauch innerhalb der Kirche. Mit seiner hervorragenden Jugendarbeit und großem sozialen Engagement hat er viele geblendet. Als Dekan hatte er gute Beziehungen, auch zur Bistumsleitung. Man konnte sich vielerorts einfach nicht ernsthaft vorstellen, dass so ein Mann zu solchen Taten fähig sein könnte, selbst als es eigentlich schon deutliche Hinweise gab. So kann man sagen, dass er alle getäuscht hat.
    Der zuständige Bischof sollte den Opfern zuliebe in dieser Sache aktiv werden und vor allem um Entschuldigung bitten.
    Dass der Bürgermeister an die Öffentlichkeit gegangen ist, weil er den Eindruck hatte, dass sich nichts tut, kann ich nachvollziehen.

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