Montag, 9. Mai 2016

Vorwurf an die Kirche: "Geistlicher Rückfall ins Mittelalter" -- Die Ausbildung zum Exorzisten irritiert offenbar...

Wenn man sich nur ein wenig Mühe gibt, kann man sich als Journalist auch über Themen aufregen, die bei Lichte betrachtet schon zwei Jahre zurück liegen.
Nicht nur Aktualität, sondern die Chance,
bei einem Wiederholungskurs für Empörung zu sorgen, könnte ein Motiv dafür sein.
Jedenfalls werden wir gerade mal wieder daran erinnert, wie sehr die Kirche angeblich einen "geistlichen Rückfall ins Mittelalter" betreibt:
Sie bildet in Rom in einem "Grundkurs Exorzismus" mal wieder eine ganze Reihe von Seelsorgern aus.

Aufgeregt wird sich gerade ---> HIER !
Doch fast auf den Tag genau vor zwei Jahren... ---> HIER !
Klar kann man sich so oft unnötig aufregen, wie man will. Dann gibt es auch ebenso oft Widerspruch...

Kommentare:

  1. Ordinariatsgeschädigter9. Mai 2016 um 11:08

    Das Beste wäre, solche "tollen" Journalisten
    wären einmal bei einenm Exorzismus mit dabei.
    Aber dieser Mühe, vielleicht zu einem differnzierteren
    Urteil zu kommen, unterziehen sich nur ganz wenige.

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  2. Für eine billige Polemik gegen die katholische Kirche
    haben unsere Qualitätsjournalisten doch immer Zeit!

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  3. Die Wunder-, Aberglaubens-, Besessenen- und Stigmatisierungsforschung hat ja nun gerade in den letzten 15 Jahren ganz entscheidende Fortschritte gemacht, und zwar interdisziplinär, also unter Beteiligung von Geschichts- und Literaturwissenschaften, Psychopathologie, Kriminologie, Soziologie und nat. auch religionswiss. und theol. Disziplinen wie Bibelexegese, Spiritualitäts- und Frömmigkeitsforschung etc. (ich nenne mal bloß als Bsp. Autoren wie Daxelmüller, Gerd Overbeck, W.M. Speelman, Michael Schetsche oder auch Philosophen wie Hartmann Römer).

    Ein Satz wie der des Kreuzknappen von vor zwei Jahren lässt sich daher kaum noch seriös halten, wenn er verkürzend sagt:
    Solche Phänomene sind ernsthaft wohl kaum mit Epilepsie oder ähnlichem zu erklären.
    Mit "Epilepsie" oder Pathologisierung der Betroffenen sicherlich nicht, da hat der Knappe schon recht. Das ist allerdings auch ein Uraltdenkansatz aus der Aszeseforschung der 1920er Jahre, als man "echte" von "unechten" Phänomenen unterscheiden wollte und als Kriterium dafür theologische Konstruktionen wie die "Übernatur" verwendete. Man denke an die unwürdigen Untersuchungen, denen sich Pater Pio, aber auch viele andere Seher unterziehen mussten.

    Trotzdem ist der Satz des Kreuzknappen naiv.
    Verzichtet man nämlich auf die ganz willkürliche Unterscheidung zwischen "echten" (übernatürlichen) und "unechten" ("kranken" oder "betrügerischen") Phänomenen, kommt man durchaus zu gangbaren Erklärungsmodellen für solche übersinnlichen Erscheinungen, sowohl teuflischen wie auch himmlischen Ursprungs.

    Das Wesentliche ist, die Erlebnisse der Betroffenen ernstzunehmen und nicht vorschnell als "bloße Einbildung" abzutun. Die Realität ist wesentlich komplexer, und Einbildung und Realität mischen sich eben so stark, dass man sie auch als Außenstehender kaum sinnvoll auseinanderhalten kann. Deshalb behalten trad. religiöse Deutungsmodelle durchaus ihre Gültigkeit und lassen sich auch bei der Heilung von Betroffenen sehr sinnvoll einsetzen.

    Solche Kurse sind daher gut und wichtig, v.a. weil es in diesem Bereich eine riesige Grauzone von selbsternannten Experten und Exorzisten (auch unter Geistlichen) gibt, die ihre Leistungen unter der Hand und verbotenerweise erbringen und meist mehr Schaden anrichten als gutmachen.

    Problematisch an manchen kirchlichen Einlassungen und auch Kursangeboten zu dem Thema ist aber, dass sie fahrlässigerweise an ziemlich unseriösen Persönlichkeiten wie dem unsäglichen Pater Amorth festhalten, dessen Herangehensweise von gänzlich veralteten Methoden und Konzepten und sehr oft leider auch von sensationalischer Panikmache geprägt ist.

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  4. Seelenklempner9. Mai 2016 um 12:57

    Presseleute, die der katholischen Kirche im Nu
    ein Leben im Mittelalter unterstellen,
    verraten mehr über ihr geistiges Niveau,
    als ihnen lieb sein dürfte.
    In der Literatur gibt es genügend dokumentierte Phänomene
    von Besessenheit, die man nicht mit einem ideologischen
    Federstrich ad acta führen kann.
    Inwieweit solche Schreiber sogar Schuld auf sich laden,
    indem sie bei einem Betroffenen oder dessen Angehörigen
    durch ihre einseitige Betrachtungsweise Vorurteile schüren
    und den Schritt zur Kontaktaufnahme mit einer fachkundigen
    Stelle unterbinden, steht noch auf einem anderen Blatt.

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  5. Wenn die Kirche jedenfalls jenseits von Afrika den letzten Rest an verbliebenen Treuen dauerhaft vergraulen will, dann soll sie das munter machen, "Exorzisten" für deutsche Diözesen ausbilden.
    Der Fall "Anneliese Michel" aus den 70er Jahren, soweit bekannt der letzte Fall eines in bischöflichem Auftrag exekutierten Exorzismus in Deutschland, und wie er ausging, ist ja allgemein bekannt...

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  6. Bevor man sich über Exorzismus im Allgemeinen und den Fall Anneliese Michel im Besonderen echauffiert, sollte man das Buch von Dr. Felicitas Goodman lesen, einer US-amerikanischen Kulturanthropologin, welche die Geschehnisse rund um Anneliese Michel akribisch recherchiert hat und dabei zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen ist.

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    1. Da gibt es inzwischen was Neueres und Akribischeres:
      http://www.pow.bistum-wuerzburg.de/index.html/erste-wissenschaftliche-aufarbeitung/8f6796dc-2f85-40f4-a298-264823ce1936?mode=detail

      An sich ist Goodmans (1980) ethnologischer Ansatz der Richtige.

      Goodman ist aber problematisch, weil sie von Tradis viel zu sehr als eine Art Verteidigung ihrer Weltsicht gelesen wird, also exkulpierend und bestätigend wirkt. Dadurch fällt unter den Tisch, dass auch Goodmans Studie bei kritischer Lektüre zeigt, dass das eigtl. "Teufelszeug" die traditionalistisch-sektiererische Einstellung des Umfelds war, die das Mädchen in die Besessenheit und letztlich in den Tod trieb. Indem Goodman den Psychopharmaka und damit den "Ärzten" die Schuld gibt (und in diesem Pkt. ist ihre Arbeit tats. "unwissenschaftlich"), entschuldigt sie gewissermaßen die religiösen Verirrungen des Umfelds. Deshalb lesen die Tradis ihr Buch so gern.

      Ney-Hellmuth (2014) bestätigt Goodman aber in dem wichtigsten Punkt: Es war natürlich nicht der "Exorzismus", an dem die Frau starb, sondern die auch nach ihrer Besessenheit fortdauernde und weiter unbehandelte Magersucht.

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