Sonntag, 17. Juli 2016

Georg Gänswein im deutschen Fettnäpfchen? - Exkommunikation bei Kirchenaustritt findet er übertrieben!

Die Begeisterung darüber wird sich
bei der Deutschen Bischofskonferenz in sehr überschaubaren Grenzen halten.
Wie "Radio Vatikan" schreibt, hat sich Kurienerzbischof Georg Gänswein
zur in Deutschland angewendeten Praxis geäußert, bei der jemand, der aus der Kirche austritt, quasi exkommuni-
ziert ist. Er halte das "für übertrieben und nicht nachvollziehbar", lässt er die Leser wissen - und weiß damit im Grunde den Vatikan auf seiner Seite.
Die Geschichte läuft ja schon viele Jahre, und die deutschen Bischöfe bekamen (2010?) kritische Post aus Rom: Ein nur bei staatlichen Behörden formell erklärter Kirchenaustritt dürfe nicht zwangsläufig den Ausschluss von den Sakramenten zur Folge haben.
Vielmehr gebe es für das tatsächliche Verlassen der Kirche drei Voraus-
setzungen
: die innere Entscheidung des Betreffenden, die äußere Be-
kundung dieses Entschlusses und in jedem Einzelfall auch die Annahme dieser Entscheidung seitens der kirchlichen Autorität,
im Regelfall also durch ein entsprechendes Schreiben des zuständigen Bischofs.
Wörtlich heißt es im Dokument des Päpstlichen Rates für Gesetzes-
texte
, das die bisherige Praxis in Deutschland für ungültig erklärt:
„Darum ist es ohne vorhergehende Prüfung jedes Einzelfalles ausge-
schlossen, von einer staatlichen Austrittserklärung auf kirchenfeindliche Motive zu schließen…“

Nun wollen die deutschen Bischöfe den Eindruck vermitteln, sie hätten diese Anordnung nun doch noch vollumfänglich umgesetzt. Es wurde beschlossen, dass alle bei staatlichen Stellen aus der katholischen Kirche (Kirchensteuergemeinschaft) Ausgetretenen vom Ortspfarrer ein Schreiben bekommen, das sie zum Gespräch einlädt, um die Folgen ihres Schrittes aufzuzeigen und die Entscheidung vielleicht noch einmal zu überdenken.

Ob der für die Pfarrer verbindlich vorformulierte Einladungstext von den derart Angeschriebenen auch wirklich als freundliche Einladung zu einem offenen Gespräch über die Motive des Kirchenflüchtlings empfunden wird, erscheint eher fraglich.
Viele finden, der Text wirke eher wie eine Drohbotschaft. Er hat den Charme einer dritten Mahnung des Elekrizitätswerkes, das dem Kunden androht: Wenn du nicht zahlst, wirst du von der Versorgung abgeklemmt.
Kirchliches Bedauern über die Entscheidung zum Austritt erwähnt das Schreiben nur am Rande. Und offenbar rechnet man erst gar nicht damit, dass sich nun die Gesprächstermine für Pfarrer dramatisch häufen: Wie Erzbischof Zollitsch vor der Presse durchblicken ließ, zeigten Erfahrungen in Österreich, dass nur wenige derart Angeschriebene die Einladung annähmen
Die Betonung der deutschen Bischöfe liegt jedoch weiterhin auf der ent-
scheidenden Bedeutung der Zahlung von Kirchensteuern
. Wer diese nicht zahlt, begehe ein besonders schlimmes Vergehen gegen die kirchliche Gemeinschaft und gegen die Verpflichtung jedes Katholiken zur finanziellen Unterstützung seiner Kirche.
Genau dies ist jedoch nicht nur meiner Meinung nach aus mehreren Grün-
den problematisch. Das Schreiben an die Abtrünnigen tut so, als seien Zahlung von Kirchensteuern und Unterstützungsverpflichtung identisch. In den vatikanischen Gesetzestexten ist jedoch keineswegs definiert, in welcher Art und Weise die Gläubigen ihren Beitrag zu leisten haben.
Dies kann also sehr wohl beispielsweise durch angemessen hohe Spenden an die örtliche Pfarrei oder an kirchliche Einrichtungen und Hilfswerke erfolgen.
Es wäre also ggf. Aufgabe der Bischöfe, eine Vorschlagsliste mit Einrichtungen zu erstellen, für die belegte Spenden mindestens in Höhe der jeweiligen Kirchensteuer akzeptiert würden, anstatt pauschal zu unterstellen, wer z.B. wegen Teilen ihrer Verwendung Bedenken gegen die Kirchensteuer habe, verstoße gegen seine Beitragspflicht und sei damit von vielen Rechten auszuschließen.
Die Betonung der Kirchensteuer als Richtschnur der Kirchentreue mag auch all jenen bitter aufstoßen, die aus verschiedensten Gründen gar keine Kirchensteuer zahlen, z.B. Deutsche mit zeitweisem Wohnsitz im Ausland, Arbeitslose, Geringverdiener, Schüler, Studierende, Familien-angehörige ohne eigenes Einkommen, viele Rentner usw., zusammen fast zwei Drittel (!) der deutschen Katholiken. Sind diese in den Augen der Bischöfe nun Katholiken zweiter Klasse?
Die Kirchenzugehörigkeit vor allem am Geld festzumachen, stößt auch aus anderen Gründen bitter auf. Wer nicht zahlt, wird kirchlich ermahnt und ggf. de facto ausgeschlossen, insbesondere auch bei Nichterscheinen zum Gespräch mit dem Pfarrer.
Was aber ist z.B. mit den zahlreichen Katholiken, die aus anderen schwerwiegenden Gründen gegen ihre Pflichten als Kirchenmitglieder verstoßen, etwa durch dauerhafte und öffentliche Missachtung der Teilnahmepflicht in der Sonntagsmesse, durch schwere Schuld wie etwa Abtreibung und vieles mehr…?
Etwa 90 % der Katholiken bleiben dem Gottesdienst fern,
und man lässt sie gewähren.
Nur noch knapp die Hälfte glaubt an Wahrheiten wie etwa an die Dreifaltigkeit, aber da greift man kaum ein. Und abgesehen davon ist die vatikanische Verpflichtung zur Prüfung
jedes Einzelfalles wohl kaum mit einem Gespräch erfüllt, das gar nicht stattfindet.
Da ist z.B. der Weg der katholischen Kirche im Stadtstaat Bremen die bessere Alternative: Wer zivilrechtlich beim Standesamt seinen Austritt erklären will, muss vorher bei der Kirche zum Gespräch erscheinen und dies dem Standesamt durch eine kirchliche Bestätigung belegen. Diese von Bremen mit dem Vatikan vereinbarte Regelung hat den großen Vorteil, dass die Menschen sich bei einem Seelsorger aussprechen können, bevor sie den entscheidenden Schritt des Austritts tun.
Die Erfahrungen damit sind sehr positiv: Es gibt viele intensive, manchmal auch tränenreiche Gespräche, wenn erzählt wird, warum man gehen will. Nicht selten wird nach einem guten, wohltuendem Gespräch die Austritts-
entscheidung wieder zurückgenommen.
Einige Kirchenrechtler weisen darauf hin, dass die deutschen Bischöfe sich auf sehr dünnem Eis bewegen. Erst wenn der zuständige Bischof dem Betreffenden per Brief die Annahme seiner Austrittserklärung mitgeteilt habe, sei diese kirchenrechtlich wirksam. Demnach dürften keinesfalls vorher schon z.B. Sakramente oder Rechte verweigert werden, wie dies das Schreiben an Ausgetretene androht. Allein ein nicht stattgefundenes Gespräch mit dem Ortspfarrer könne jedenfalls nicht ausreichen.
Kurios wird es, wenn Deutsche, die keine Kirchensteuer zahlen wollen, etwa zum Urlaub oder als Umzug ins Ausland reisen: Dort dürfen sie ganz selbstverständlich die Sakramente empfangen, da es in fast allen Ländern keine Kirchensteuer gibt. Die deutsche Koppelung der Kirchenmitglied-
schaft an die Kirchensteuerzahlung ist und bleibt eine sehr unglückliche Lösung.
Beinahe absurd wird es, wenn eine Familie nur ein einziges Einkommen hat, die zusammenveranlagten Ehepartner aber verschiedenen Konfessio-
nen angehören. Die Kirchensteuer wird dann auf beide Kirchen aufgeteilt. Dadurch kommt es öfter vor, dass etwa der katholische Partner, ob er will oder nicht, die evangelische Kirche mitfinanziert… 

Nun wird das Thema also durch den Beitrag von Erzbischof Gänswein wieder aufgewärmt... ---> HIER !

Kommentare:

  1. Dazu passt dieses Titelbild vom SPIEGEL aus dem Jahr 1969:
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/index-1969-13.html

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  2. Ordinariatsgeschädigter17. Juli 2016 um 11:58

    Ich vermute mal, Gänswein will mit dieser den
    deutschen Bischöfen gegenüber unfreundlichen Aussage
    noch einmal unterstreichen, dass er nicht darüber
    nachdenkt, irgendwann mal in Deutschland Bischof
    zu werden...

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  3. Gänswein weiß,
    was die deutschen Kollegen über ihn denken.
    Bei denen ist er unten durch,
    da kommt es auf eine Äußerung mehr oder weniger
    auch nicht mehr an:

    http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/ganswein-ubt-kritik-am-kirchensteuersystem

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  4. Helmut Schneider17. Juli 2016 um 12:26

    In Deutschland ist es meines Wissens immer noch
    entgegen dem Schreiben aus dem Vatikan so,
    dass jemand, der aus der Kirche austritt, und
    sei es nur aus finanziellen Gründen, zwar nicht
    nominell, aber faktisch exkommuniziert ist.
    Diesen seit Jahren und Jahrzehnten anhaltenden
    Missstand prangert Gänswein völlig zu Recht an.
    Ich bewundere seinen Mut!
    Man bedenke, dass es etliche Fälle geben dürfte,
    wo man auf jeden Euro gucken muss, und da ist
    der Kirchenaustritt eine Sparmöglichkeit.
    Es ist arrogant von den Bischöfen, jedem zu
    unterstellen, er wolle damit auch aus der
    Glaubensgemeinschaft aussteigen.

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  5. Nun, wundert sich ernsthaft jemand darüber, daß 90% der Katholiken den Gottesdienst nicht besuchen ? Die wenigsten von Ihnen haben überhaupt etwas mit Glauben am Hut, sie gelten nur auf dem Papier als Katholiken, weil sie halt als Säuglinge getauft wurden.

    Nebenbei : Familienangehörige ohne eigenes Einkommen müssen durchaus Kirchensteuer bezahlen, allerdings nur, wenn der verdienende Partner kein Kirchenmitglied ist, dann kassiert die Kirche von dem ... nennt sich dann aber nicht mehr Kirchensteuer, sondern Besonderes Kirchgeld.
    Mit dem ganzen "Mitglied und KirchensteuerPflichtig" ab Taufe hält sich die Kirche in Deutschland ja gut über Wasser (von den Staatlichen Zahlungen reden wir besser nicht).

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  6. Vielleicht steckt mehr dahinter
    als auf den ersten Blick vermutet.
    Im vorigen Jahr hat Papst Franziskus die deutschen
    Bischöfe empfangen und ihnen die Leviten gelesen.
    Möglicherweise ist er verärgert, dass sich nix ändert.
    Gänswein fühlt sich berufen, daran zu erinnern.

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  7. Es geht in dem Exklusivinterview mit der
    "Schwäbischen Zeitung" um weit mehr, z.B. auch
    über die aufgeblähte Kirchenverwaltung in Deutschland.
    Zitat:
    "Doch sprechen Sie einmal mit Mitbrüdern, die aus anderen Ländern kommen, und sagen Sie denen, wie viele Menschen zum Beispiel in deutschen Ordinariaten oder anderen kirchlichen Organisationen angestellt sind, dann ernten Sie wenigstens ein staunendes Stirnrunzeln. Das können die gar nicht glauben. Das viele Geld ermöglicht vieles, birgt in sich aber immer Erstickungsgefahr."

    http://www.schwaebische.de/politik/ausland_artikel,-Kirchensteuer-Gaenswein-sieht-Reformbedarf-_arid,10491941.html

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