Donnerstag, 5. Januar 2017

Gestern selbst erlebt: Ich bin überrascht über so viel Wut und Bitterkeit...

Der Vorfall, den ich zufällig mitbekommen habe, hat mich doch etwas geschockt: Ein alter, gehbehinderter Herr in meinem Wohnort war mit seinem Rolla-
tor auf dem Gehsteig unter-
wegs, kurz vor dem Super-
markt. Viel befahrene Straße, gerade auch viele Fußgänger.
Er hat ein paar Kleinigkeiten eingekauft und quält sich heim. - Drei junge Burschen, dem Aussehen und meiner Erfahrung nach Asylbewerber, begegnen ihm feixend und mit ihren Smartphones hantierend - und weichen auf dem schmalen Bürgersteig nicht aus. 

Der alte Herr ist perplex - und ihm bleibt nichts anderes übrig, als kurz-
fristig auf die Fahrbahn auszuweichen, um dann den Rollator wieder mühevoll auf den Bürgersteig zu bugsieren. Ich stehe am Briefkasten,
habe gerade Post eingeworfen und höre ihn, den ich vom Sehen kenne, schimpfen. Er muss irgendwo hin mit seiner Wut und spricht mich empört an: "Haben Sie das gesehen? So weit sind wir also schon!" - Ich versuche ihn zu besänftigen, denn er macht den Eindruck, als rede er sich in Rage - wer weiß, was da mit seinem Kreislauf passiert. 

Meine größte Überraschung: Dieser Vorfall ist für ihn nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Er wettert nur kurz über die Flüchtlinge; sein eigentliches Thema ist die Sozialpolitik. Ich nehme mir etwas Zeit und lasse ihn erzählen; meine Aufgabe in dieser Situation besteht im wesent-
lichen darin, ihm ab und zu kopfnickend volles Verständnis zu signali-
sieren. Der Mann ist fertig: Wenig Rente, sehr angeschlagene Gesundheit, keiner kümmert sich nach dem Tod seiner Frau um ihn, und er leidet unter der ständigen finanziellen Notlage. Morgens um sechs Uhr geht er Pfand-
flaschen aus den Abfalleimern sammeln, gesteht er mir mit rotem Kopf, und er fügt hinzu, er mache das so früh, damit ihn keiner sehe. Da tue es ihm schon weh, sagt er, dass den Flüchtlingen "alles hinten und vorne reingeschoben wird", wie er es ausdrückt.

Ich würde mir wünschen, dass unsere Politiker öfter mal die Gelegenheit bekämen, mit solchen Menschen zu sprechen...
Das passt dann wohl dazu ---> HIER und HIER und HIER !

Kommentare:

  1. Was bitte soll daran überraschend sein?
    Wir wohnen in der unmittelbaren Nachbarschaft eines
    Asylbewerberheimes. Sie müssten mal sehen, wie es
    da z.B. mit dem Müll aussieht. Und abends ist großes
    Palaver, wenn die Herren auf dem Heimweg sind
    und unsere Kinder beim Einschlafen gestört werden!

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  2. Der ältere Herr kann als Anschauungsbeispiel
    dafür dienen, warum die AfD immer mehr Zulauf hat.
    Unsere Besserverdiener haben den Kontakt zu großen
    Teilen der Bevölkerung verloren und leben in ihrer
    eigenen Welt. Wer aber die Augen aufmacht, sieht die
    alltägliche Not vieler kleiner Leute, die sich eine
    ebenso faire Behandlung wünschen würden wie die
    Flüchtlinge!!!

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  3. Tradi's Liebling5. Januar 2017 um 08:21

    Schon seltsam, in welcher Welt der KREUZKNAPPE
    selber lebt; ich jedenfalls habe noch keinen ein-
    zigen Flüchtling selbst gesehen, obwohl ich fast
    jeden Tag zu Fuß in der Stadt unterwegs bin!
    Hier sollen doch bloß wieder Ängste geschürt werden!

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  4. Tja... was will uns der Knappe mit seiner rührseligen Geschichte nur sagen?

    Sollten wir Flüchtlinge in ihrem Elend verrecken lassen und uns mehr um die Bedürftigen hier kümmern?

    Sollten wir endlich linke Parteien wählen, die mehr an der sozialen Frage interessiert sind als die wirtschaftsorientierten konservativen Parteien, allen voran die neoliberale AfD?

    Oder sollte man es ihm gleich tun und Flüchtlinge schon am Äußeren erkennen und Fehlverhalten und Flüchtling gleichsetzen?

    Oder aber vielleicht sollte man ihn auffordern, dem Mann doch zu raten, darum zu bitten, den Weg doch kurz frei zu machen. Aus meiner "Erfahrung" mit jungen Burschen hilft das oft ungemein sie mal kurz aus ihrer digitalen Scheinwelt herauszuholen. Dann wundert man sich, wie freundlich und hilfsbereit die auch sein können ;-)

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    1. Superidee, Oderaber.
      Ich schlage vor, Sie übernehmen das mal,
      und wir schauen aus sicherer Entfernung zu.
      Anderswo ging das nämlich so aus:

      http://www.focus.de/regional/berlin/brutale-attacke-in-berlin-maenner-beweisen-zivilcourage-und-werden-brutal-verpruegelt_id_5912908.html

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    2. "Oderaber":
      Wenn Sie häufiger beim Kreuzknappen reinschauen,
      wissen Sie, dass er gewöhnlich keine fertigen
      Rezepte anbietet, das ist auch nicht seine Aufgabe
      als Chronist der bundesdeutschen und katholischen
      Lage. Er stellt Fragen, und da bleibt es Ihnen
      überlassen, ob Sie darin ein Freund-Feind-Schema
      erkennen wollen - oder aber einfach eine berechtigte
      Anfrage an die Sozialpolitik, die diesen Namen nicht
      verdient.

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    3. Die beiden Schlaumeier bestätigen das, was ich schon oben vermutete, Flüchtlinge sind in den Augen der Tradis Kriminelle. Und das ist eines der wichtigsten Themen der katholischen Lage. Danke für Demonstration!

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    4. Oderaber,
      kann es sein, dass Sie eine völlig andere
      Wahrnehmung haben als Leser, die Kommentare
      gründlich lesen?

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  5. Der Ärger und die Äusserungen des genervten Herrn kann
    ich absolut nachvollziehen.
    Alt, dazu gehbehindert und auf den Rollator angewiesen, fühlt er sich den drei ihm entgegenkommenden jungen Leuten gegenüber schutzlos, zumal diese ja keine Anzeichen machen, ihm auszuweichen.
    Auch wenn es keine Asylbewerber gewesen wären, sondern Deutsche - ein solches Verhalten einem alten Menschen gegenüber ist unsensibel und lieblos.
    Aber auch sie werden einmal alt und vielleicht schutz-bedürftig. Dann werden sie wissen, wie sich so etwas "anfühlt".

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    1. Das sehe ich genauso.
      Es führt auch nichts an der Einsicht vorbei, dass die Deutschen einfach total überaltert sind. Das ist denke ich ein Teil des Problems bei der Ausländerfeindlichkeit. Nehmen Sie mal das Durchschnittsalter der Kreuzknappenkommentatoren als Maßstab. Das liegt mit Sicherheit um Jahrzehnte über dem Weltdurchschnitt. Ich erlebe das immer, wenn man von Lateinamerika zurück nach Dtschl. kommt und meine Frau mich fragt: Warum sind hier eigtl. fast nur alte Knacker auf der Straße?

      Ältere Leute fühlen sich halt schnell von der Jugend ins Abseits gestellt, bekommen Torschlusspanik und entwickeln Ressentiments gegen Sündenböcke (junge Ausländer z.B.).

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    2. Jorge,
      diese alten Knacker waren es,
      die Deutschland nach dem Krieg wieder aufge-
      baut haben, die auf vieles verzichtet haben,
      damit ihre Kinder es einmal besser haben.
      Und die sind es größtenteils auch,
      die großzügig für kirchliche Hilfswerke wie
      "ADVENIAT" spenden, damit die jungen Leute
      in Lateinamerika eine Chance kriegen.
      Im übrigen hat nicht jeder junge Mann in
      Deutschland die Zeit, um sich tagsüber auf der
      Straße bewundern zu lassen, hier wird nämlich
      gearbeitet.

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    3. So kann man das sehen, ist mir aber ein bisschen zu borniert.

      Junge Leute, v.a. Männer, in Entwicklungsländern haben ihre Probleme (z.B. überschäumende Aggressivität, Unbesonnenheit usw.). Junge Gesellschaften sind ja keineswegs besser oder problemfreier oder friedlicher als überalterte, ganz im Gegenteil.

      Deutsche so ab 50, v.a. Männer, haben auch Probleme (z.B. Ausländerfeindlichkeit). Allerdings hat diese Generation, besonders die noch älteren (60-70), hierzulande historisch gesehen ein unerhörtes Glück gehabt (kein Krieg erlebt, lebenslang in relativem Reichtum gelebt, Bildung genossen), das andere nicht hatten (sowohl synchron als auch diachron betrachtet).

      Da sollte man dankbar sein und nicht stänkern.

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    4. Natürlich gibt es dann mittlerweile auch hierzulande unter den Senioren Verlierer, die unter Altersarmut leiden und mit 70 oder 80 noch Papierkörbe durchsuchen müssen, wie es der Kreuzknappe schildert.

      Das ist in Lateinamerika schon lange so.
      So wie meine Frau sich erschreckt, wenn sie die ganzen alten Leute hier sieht, habe ich mich schon vor Jahren umgekehrt erschreckt, wenn man in Chile an jeder Straßenecke einen gut gekleideten alten Mann stehen sieht, der irgendwelche Bierdeckel oder Zeitschriften verkaufen muss. Das ist etwas, was man in Dtschl. lange nicht kannte (weil hier ja so viel "gearbeitet" wird :-)

      Und Chile steht wirtschaftlich besser da als alle anderen Länder, hat aber eben trotzdem noch eine viel schärfere Armutsschere als der Sozialstaat Dtschl.

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    5. Geehrter Jorge,
      als Sie schrieben, dass Ihre Frau, immer wenn Sie beide aus Lateinamerika zurückkommen, stets folgendes fragt:
      "Warum sind hier eigtl. fast nur alte Knacker auf der Straße?" musste ich schlucken.
      Denn auch diese Aussage empfinde ich als einigermaßen lieblos.
      Alter als Makel?
      Wir alle werden älter, auch Ihre Frau und Sie selbst.
      Und ich bin es schon.

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    6. Dafür, das man älter wird, kann ja nun keiner was. Wie kann man das als Vorwurf verstehen?
      Aber diese alterstypischen Empfindlichkeiten spreche ich ja gerade an. Man kann im Alter weiser und verständnisvoller sein als junge Leute, weil man besser versteht, wie das Leben so läuft. Oder man kann gereizter und missgünstiger werden und auf die Jugend (oder wen auch immer) schimpfen. Das sind dann eher die unangenehmen Alten, die im Leben nichts dazu gelernt haben.

      Auch junge Leute haben zwei Seiten: Etwas Übermut ist normal; Rücksichtslosigkeit und Dreistigkeit wäre die negative Ausprägung; Lebensfreude, Beweglichkeit und Unverdorbenheit die positive. Viele ältere Menschen mögen es ja auch, nicht mit Altersgenossen, sondern mit Jüngeren zusammen zu sein, und finden eine Gesellschaft, die wie ein großes Altenheim wirkt, auch selber schrecklich.

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